Jonnie Jacobs | Tödliche Lüge

The Next Victim, ClubPremiere 2008

Leseprobe

Der Anruf kam um kurz nach zwei Uhr morgens und riss Erling aus einem besonders schönen Traum. Als Ermittler bei der Mordkommission war er zwar daran gewöhnt, zu den unmöglichsten Uhrzeiten geweckt zu werden. Das Hirn einzuschalten kostete ihn trotzdem jedes Mal unsägliche Mühen. Mit geschlossenen Augen klammerte er sich an den letzten Rest Schlaf, bis der Kollege von der Leitdienststelle die Adresse des Tatorts durchgab – eine Adresse, die schmerzvolle Erinnerungen wachrief.

Im nächsten Augenblick war er hellwach.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, und unwillkürlich entfuhr seinen Lippen ein Laut, der Deena weckte. Obwohl sie sich schon lange nicht mehr von nächtlichen Anrufen aufschrecken ließ, warf sie Erling einen fragenden Blick zu. Er tat, als bemerkte er ihn nicht.

„Tut mir leid, Schatz“, sagte er. „Ich muss weg.“

„Was ist los?“

„Es gibt Arbeit für mich.“

„Was sonst.“ Deena rollte sich mit einem Seufzer auf die Seite und wandte ihm den Rücken zu.

Das fahle Licht des Mondes beleuchtete ihre Konturen, und Erling nahm sich einen Augenblick Zeit, die vertrauten Rundungen ihres Körpers zu betrachten, den Wust rotbraunen Haars, das mit silbernen Strähnen durchzogen war. Manchmal, ganz selten, konnte er in ihr noch die fröhliche, anziehende Frau erkennen, die er vor zwanzig Jahren geheiratet hatte. Die meiste Zeit aber strahlte sie ihm gegenüber vorwurfsvolle Distanziertheit aus. Vor vier Jahren hatte das angefangen – als ihr Sohn Danny im Alter von elf Jahren mit dem Skateboard tödlich verunglückt war. Erling war sich nicht sicher, ob die Tragödie die Schwierigkeiten in ihrer Ehe verursacht oder nur Probleme ans Tageslicht gebracht hatte, die er nicht hatte sehen wollen.

Er steuerte das Badezimmer an, wo er rasch duschte, ehe er in eine Hose und ein Polohemd schlüpfte. Bevor er das Haus verließ, ging er noch einmal zu Deena, um sie sanft zu schütteln.

„Denk dran, Mindy muss um sieben aufstehen, weil sie noch für ihren Soziologietest lernen muss.“ Ihre Tochter war inzwischen achtzehn, kam aber morgens immer noch nicht selbstständig aus dem Bett.

„Ich sorge dafür, dass sie rechtzeitig aufsteht.“

Er küsste Deena auf die Wange. „Einen schönen Tag.“

„Dasselbe würde ich dir auch wünschen, aber wenn der Tag mit einer Leiche anfängt, kann er wohl nicht mehr wirklich schön werden, oder?“

Vor allem, wenn man die Adresse des Tatorts bedenkt, dachte Erling, und sein Magen ballte sich zusammen.

Dass das große Haus mit Ziegeldach im Canyon View Drive ein Tatort war, war nicht zu übersehen. Ein halbes Dutzend Polizeifahrzeuge standen davor. In der Einfahrt parkten der Gerichtspathologe mit seinem Transporter und die gesamte Spurensicherung. Der Hauseingang und Teile des Gartens waren mit gelben Polizeibändern abgesperrt. In der Luft kreiste bereits ein Hubschrauber mit Reportern.

Während Erling sich unter dem Absperrband hindurch bückte und ins Haus ging, überlief ihn ein Schauder aus Trauer und Sehnsucht. Bitte, flüsterte er, mach, dass es nicht sie ist.

Im Inneren empfing ihn ein Schlachtfeld. Die Schrankfronten aus Kirschbaum waren mit Fleischfetzen und Hirnmasse übersät. Die Terrakottafliesen verunzierte eine Pfütze aus dunkelrotem, klebrigem Blut. Eine blaue Vase, mundgeblasen, war vom Schreibtisch gestoßen worden, eine der Stehlampen war umgefallen, und der Schaukelstuhl lag auf der Seite. Erling verschlug es fast den Atem.

Auf der anderen Seite des Raums entdeckte er eine weibliche Gestalt, zusammengekauert an der Wand. Olivbraune Haut. Schwarze Locken, etwas mehr als schulterlang. Er spürte eine Welle der Erleichterung. Das war definitiv nicht Sloane.

„Die andere ist da drüben“, informierte ihn einer der uniformierten Beamten und deutete auf den Feldsteinkamin. Erling schoss ein Bild durch den Kopf: Sloane vor einem prasselnden Feuer, den Blick auf ihn gerichtet, langsam ihre blaue Seidenbluse aufknöpfend. Jetzt nicht daran denken, beschwor er sich. Cool bleiben und nicht daran denken.

„Sieht ziemlich schlimm aus“, warnte ihn der Polizist. „Ich konnte selber nur einen kurzen Blick daraufwerfen.“

Erling schaute in die angewiesene Richtung und sah ein weibliches Bein mit einer Sandale am Fuß hinter dem Sofa hervorlugen. Eine Frau also, eine blonde Frau. Die Schuhe kannte er nicht, aber das hatte nichts zu heißen. Er hatte Sloane seit fünf Monaten nicht gesehen.

Im Nähergehen schickte er ein kurzes Gebet zum Himmel. Die Leiche lag ausgestreckt am Boden, Arme und Beine angewinkelt. Das Gesicht war weggeschossen. Erlings Magen zog sich im Krampf zusammen.

Es muss nicht sie sein. Man kann es erst mit Gewissheit sagen, wenn sie identifiziert ist.

In seinem Herzen aber wusste er es. Die Beuge ihres Nackens, das Muttermal auf ihrer Schulter, der Silberring mit dem Jadestein an ihrer rechten Hand. Mühsam versuchte er, den Kloß zu schlucken, der sich in seinem Hals bildete. Die zitternden Hände in seinen Jackentaschen verbergend, in der Hoffnung, dass niemandem etwas auffiel, bemühte er sich, die Erinnerungen aus seinem Kopf zu verbannen.

Erling überlief die vertraute Welle aus Wut und Trauer über diese sinnlose Tat. Man musste wohl so empfinden, in diesem Job. Doch diesmal kam hinzu, dass es ihm an professioneller Distanz fehlte. Dies war nicht irgendein anonymes Opfer. Das war eine Frau, die er in den Armen gehalten und geküsst hatte, mit der er gelacht, mit der er geschlafen hatte. Das war Sloane.

Michelle Parker – eine junge Kollegin mit der Hartnäckigkeit einer Bulldogge und seit einem halben Jahr seine Partnerin – hatte mit den Streifenpolizisten gesprochen, als er eintraf. Jetzt kam sie, ihren Notizblock in der Hand, von der Fensterfront im Wohnzimmer auf Erling zu, der im Durchgang zur Küche stand.

Sie strich sich eine kastanienbraune Strähne aus der Stirn. „Muss man einen Tag so beginnen?“

„Das gehört eben dazu“, blaffte er. Seine Brust war so eng, dass er kaum atmen konnte.

Michelles Miene verzog sich vor Erstaunen bei dieser unwirschen Reaktion. Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen ihnen, während sie ihn nachdenklich musterte. „Und manche ertragen es besser gelaunt als andere“, sagte sie schließlich.

Die Spannung, die plötzlich in der Luft lag, traf ihn mit der Schärfe einer Gummischleuder. Reiß dich am Riemen, Shafer. Sollen es vielleicht alle mitbekommen?

„Also, was haben wir?“, fragte er in verbindlicherem Ton.

Michelle sah auf ihre Notizen. „Die Meldung kam kurz nach Mitternacht rein. Einer Nachbarin war aufgefallen, dass die Beleuchtung den ganzen Tag über eingeschaltet war und niemand die Zeitung aus dem Briefkasten geholt hat. Sie rief im Haus an, und als niemand abnahm, ging sie rüber und klingelte an der Tür. Dann ging sie um das Haus herum und sah durch ein Fenster. Als sie auf dem Boden eine Frau entdeckte, wählte sie den Notruf.“

„Gibt es Hinweise auf die Identität der Toten?“

„Nichts Konkretes. Wahrscheinlich ist, dass die ältere der beiden Sloane Winslow ist. Es ist ihr Haus.“

Die ältere. Erling zuckte zusammen. Sloane war erst einundvierzig, zwei Jahre jünger als er, und viel zu schön, um als „älter“ bezeichnet werden zu dürfen.

„Ihr Mädchenname war Logan.“ Michelle wartete eine Sekunde. „Logan wie Logan Foods.“

Als er nicht gleich reagierte, fügte sie hinzu: „Die Lebensmittelkette.“

Erling ließ einen leisen Pfiff hören. Die Chance, einen Augenblick Zeit gewinnen. „Weißt du irgendwas über die Familie?“

„Ich wusste nicht mal, dass das ein Familienbetrieb ist, bis es mir die Nachbarin erzählt hat. Du?“

Der Augenblick der Wahrheit.

Oder auch nicht.

Er musste diese Ermittlungen abgeben, so viel stand fest. Er hatte mit einem der Opfer in Verbindung gestanden. In enger, emotionaler Verbindung. In hochemotionaler Verbindung. Die Vorschriften besagten, dass er die Ermittlungen jemand anders überlassen musste.

Aber das konnte er nicht. Nicht ohne sich zu erklären. Es würde sich herumsprechen. Deena würde davon erfahren. Sein Magen ballte sich erneut zusammen. Er konnte nicht. Er konnte diesen Rettungsanker nicht ergreifen. Nicht nach Dannys Tod.

Außerdem wollte er den Dreckskerl, der das hier angerichtet hatte, höchstpersönlich zur Strecke bringen. Er musste das tun, für Sloane mehr noch als für sich selbst.

Michelle musterte ihn fragend. Sie wartete immer noch auf eine Antwort.

„Ich weiß auch nur, was in der Zeitung steht“, sagte er. Die Lüge brannte auf seiner Zunge. Vielleicht würden sie den Täter ja rasch finden und die ganze Sache schnell abwickeln.

„Na, dann schieß mal los.“

„Der Großvater hat die Firma hier in Tucson gegründet. Sloane Winslow und ihr Bruder Reed Logan besitzen zusammen eine Mehrheitsbeteiligung, aber Reed leitet die Firma. Winslow hat mit ihrem Mann in Los Angeles gelebt. Erst nach ihrer Scheidung vor ein paar Jahren ist sie nach Tucson zurückgekommen und hat sich in die Geschäfte eingemischt.“

„Hiesiger Name, hiesiges Geld.“ Michelle furchte die Stirn. „Das gibt Schlagzeilen.“

„Das fürchte ich auch.“ Sie tauschten einen Blick, und Erling sprach aus, was sie beide dachten. „Der Lieutenant wird uns vierteilen, wenn wir ihm nicht postwendend einen Verdächtigen präsentieren.“

„Können wir das denn?“

„Sag du’s mir. Wie sieht’s denn aus?“

Michelle blätterte ihre Notizen durch. „Von der Pathologie haben wir vorerst nur eine erste Einschätzung. Crawford meint, dass die Frauen zwischen vierundzwanzig und sechsunddreißig Stunden tot sind. Beide wurden von Schüssen aus geringer Distanz getroffen. Die ältere Frau in den Kopf. Die jüngere in Brust und Bein. Die Waffe war offenbar eine Schrotflinte.“

Erling spürte wieder, wie sich seine Brust verengte. Sloane, die Anmutige. Sie war immer hundertprozentig Frau, hundertprozentig sie selbst gewesen. Er mochte sich nicht vorstellen, welches Entsetzen sie empfunden hatte angesichts der Waffe, die sich auf sie richtete. Bilder schossen ihm durch den Kopf, Sloane, wie sie verzweifelt versucht, das Unvermeidliche abzuwenden. Einen Moment lang verschlug es ihm den Atem. Dann schüttelte er den Gedanken ab.

„Haben wir die Waffe?“, fragte er.

„Nein.“ Michelle hielt inne und sah sich im Raum um. „Sieht so aus, als hätte ein Kampf stattgefunden, nicht? Aber auch zu zweit hatten sie keine Chance gegen diesen bewaffneten Scheißkerl.“

Erling brummte zustimmend. „Wer ist das zweite Opfer?“, fragte er und trat hinzu, um sich die Frau genauer anzusehen. Sie war um die zwanzig. Deshalb also war die andere „die ältere“.

„Die Nachbarin, die uns angerufen hat, ist die reinste Datenbank. Sie sagt, bei der Winslow habe eine junge Frau gelebt, eine gewisse Olivia Perez. Sie studierte hier an der Universität.“

„Verwandtschaft?“ Soweit Erling wusste, hatte Sloane allein gelebt.

„Eine Untermieterin, denke ich.“

„Eine Untermieterin?“

„Ich weiß, das ergibt keinen rechten Sinn. Die Logans müssen steinreich sein.“

Mit Sicherheit mussten sie nicht untervermieten. „Was ist mit Spuren?“ Erling betete im Stillen für einen minderbemittelten Täter. Einen, der Fingerabdrücke und Fasern hinterlassen hatte oder am besten gleich seinen Führerschein.

„Das wissen wir erst, wenn die Spurensicherung fertig ist. Aber ein älterer Herr aus der Nachbarschaft hat uns ein Fahrzeug beschrieben, das er am Dienstagabend hier gesehen hat. Ein silberner Porsche mit einem kaputten Rücklicht. Wenn Crawford mit seinem Todeszeitpunkt recht hat, würde das bedeuten, dass der Wagen zur Tatzeit hier war.“

Ein Augenzeuge war nicht ganz so gut wie ein Volltrottel als Täter, aber besser als nichts. Zumindest war ein Porsche kein Allerweltsauto. „Hat er irgendjemand gesehen?“

„Er meint, der Fahrer dürfte männlich gewesen sein, sicher war er aber nicht.“

„Was ist mit den anderen Nachbarn?“

„Nichts bislang. Die Häuser hier stehen ziemlich weit auseinander.“

Gerade das hatte Sloane an diesem Teil von Tucson geschätzt. Das Viertel war nicht so nobel wie einige der neueren, geschlossenen Wohnanlagen, dafür standen die Häuser auf riesigen Grundstücken – mit bis zu viertausend Quadratmetern –, und die Bepflanzung war inzwischen so weit gediehen, dass die Häuser voneinander durch einen natürlichen grünen Sichtschutz getrennt waren. Einmal hatten sie sich draußen im Garten geliebt, unter dem schwarzen sternenübersäten Firmament. Erling dachte an die warme Brise, die ihre Haut gestreichelt hatte, den Fliederduft in Sloanes Haar und die raue Struktur der Picknickdecke, auf der sie gelegen hatten.

Der Fotograf von der Spurensicherung griff in seine Zubehörtasche. „Ich wäre dann fertig, wenn Sie nichts Spezielles mehr brauchen.“

„Haben Sie Fotos und Videos?“, fragte Erling. Seine Stimme war rau, so sehr bedrängten ihn die Erinnerungen.

„Beides. Die Leichen auch, hab ich mit Crawford zusammen gemacht.“

„Wann können wir das sehen?“

„Reicht heute Nachmittag?“

„Schneller geht’s nicht?“, hakte Erling nach.

Der Mann steckte die Verschlusskappe auf sein Objektiv. „Nein, tut mir leid.“

„Tja, dann muss es eben reichen.“ Er wandte sich Michelle zu. „Hat schon jemand die Verwandten verständigt?“

„Boskin und Dutton sind auf dem Weg zu dem Bruder. Vielleicht weiß er ja etwas über das Mädchen.“

„Hoffen wir’s.“

Sie machten sich unabhängig voneinander daran, den Tatort abzugehen, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen und Skizzen zu machen. Erling holte seine kleine Digitalkamera heraus und nahm den Raum aus zahlreichen Perspektiven auf. Der Mann von der Spurensicherung lieferte saubere Arbeit ab, aber Erling wollte zusätzlich eigene Bilder haben. Sie halfen seinem Gedächtnis auf die Sprünge und füllten die Lücken in seinen Skizzen.

„Und, was meinst du?“, fragte Erling zwischendurch. „Was ist dein erster Eindruck?“

Michelle balancierte zwischen Fersen und Ballen hin und her und legte die Stirn in Falten. Sie trug eine dunkle, eng anliegende Hose und eine cremefarbene Seidenbluse, die lose über ihre Brüste fiel – ihre Standardmontur, mit der sie grundsätzlich zur Arbeit kam, selbst wenn sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt wurde.

Er hatte ursprünglich nicht mit ihr zusammenarbeiten wollen, weil er sie für ungeeignet hielt, wenn nicht gar für unfähig. Doch letztendlich hatte er eingesehen, dass sie trotz ihres Traumkörpers und ihrer sanften braunen Locken genau so ernsthaft und engagiert arbeitete wie jeder andere. Manchmal sogar ein bisschen zu engagiert.

„Ich würde sagen, die Chancen stehen gut, dass Mrs Winslow ihren Mörder kannte“, fing Michelle an. „Entweder das, oder sie fand ihn so unverdächtig, dass sie ihn bedenkenlos hereinließ. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich der Täter gewaltsam Zutritt verschafft hat. Beide Opfer tragen Straßenkleidung, sie wurden also kaum mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Das Licht war an, und auf der Küchentheke steht eine offene Flasche Brandy.“

Ob sie einen neuen Liebhaber gehabt hatte?, überlegte Erling. Aber das Mädchen war im Haus gewesen. Da hätte Sloane sicherlich keinen Mann mitgebracht.

Michelle deutete auf Sloanes Leiche. „Sieht so aus, als wäre der Täter zuerst auf sie losgegangen. Während sie versuchte, ihn abzuwehren, kam die jüngere Frau überraschend hinzu. Er hat Mrs Winslow den Kopf weggeschossen, vermutlich stand er direkt neben oder vor ihr. Das Mädchen … Ich schätze, die Autopsie wird ergeben, dass sie aus etwas größerer Entfernung erschossen wurde.“

„Nicht schlecht für ein Greenhorn“, lobte Erling. Michelle hatte zuvor in Phoenix als Assistentin gearbeitet, ehe sie nach Tucson kam, um die Stelle als Kriminalbeamtin beim Morddezernat der Polizei von Pima County anzutreten.

Sie quittierte das Kompliment mit einer kaum merklichen Kopfbewegung. „Heißt ja noch nicht, dass es auch stimmt.“

„Das nicht, nein, und man tut gut daran, das nicht zu vergessen.“

„Man verrennt sich zu leicht in eine bestimmte Richtung“, sagte sie und betete damit einen von Erlings Lieblingsleitsprüchen herunter, „und übersieht dabei das Wesentliche.“

„Sieht so aus, als hättest du den Spruch wirklich verinnerlicht.“

„Kann man so sagen“, gab sie zurück, diesmal mit dem leichten Anflug eines Lächelns. „Sollen wir jetzt den Rest des Hauses überprüfen?“

Erling machte einen tiefen Atemzug, um sein Herzklopfen zu beruhigen. Sloanes Haus. Sloanes Sachen. Zimmer, erfüllt von bittersüßen Erinnerungen. Ob er das schaffte?

Schließlich nickte er. „Ja, warum nicht.“

Eine Durchsuchung des Hauses gehörte bei Fällen wie diesem zur Standardprozedur. Die Spurensicherung inspizierte den Tatort selbst, doch eine sorgfältige Durchsuchung persönlicher Gegenstände offenbarte sehr viel über das Leben des Opfers. Manches war interessant, das meiste davon für den Mord irrelevant, doch manchmal hatte man Glück – und fand ein Rezept, eine Telefonnummer, ein Foto, irgendeinen winzigen Hinweis, der zum Mörder führte.

Doch normalerweise kannten sich Opfer und Ermittler nicht.

Erling und Michelle verbrachten die nächsten vierzig Minuten damit, Schränke, Ordner, Kommoden, Papierkörbe und Arzneischränke zu durchwühlen. Erling verspürte permanent die leise Furcht, etwas zu finden, das auf seine Besuche in diesem Haus hindeutete, und hatte gleichzeitig Angst, Sloane könnte die Erinnerung an ihn ausgelöscht haben. Es entlockte ihm beinahe ein Lächeln, als er in der mit lila Samt ausgekleideten Schmuckschublade den Anhänger aus Kupfer und Bronze fand, den er ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.

„Offenbar hatte sie was für modische Kleidung übrig“, bemerkte Michelle.

Erling zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

Er stoppte bei einem vertrauten Anblick auf Sloanes Schreibtisch: ein gerahmtes Foto von ihr mit ihrem Bruder Reed, das bei einer Grillfeier mit der Familie aufgenommen worden war. Ihr hellhäutiges Gesicht war praktisch faltenfrei, ihre blaugrünen Augen glitzerten vor guter Laune. So wie sie oft vor Schalk geglitzert hatten, erinnerte sich Erling. Er verspürte einen dumpfen Schmerz in der Magengrube, ein Sehnen tief in seinem Innern, das weniger mit ihrem Tod zu tun hatte als vielmehr mit dem Verlust, den dieser für ihn bedeutete.

Es war eine kurze Affäre gewesen, sechs Monate und vierzehn Tage hatte sie gedauert. Seit Mai war sie zu Ende. Er hatte sie umhechelt „wie eine dahergelaufene Promenadenmischung eine läufige Rassehündin“ – das waren ihre Worte gewesen, und sie hatten sich ihm ebenso tief eingeprägt, wie sie ihn verletzt hatten. Auf sein Verhalten brauchte er wirklich nicht stolz zu sein. Das war ihm schon damals klar gewesen. Trotzdem hatte er versucht, sie dafür zu hassen, dass sie Schluss gemacht hatte. Und manchmal war ihm das fast sogar gelungen. Aber er hätte ihr niemals den Tod gewünscht.

Als Michelle und er mit ihrer Hausdurchsuchung fertig waren, ging die Sonne hinter den Bergen am Sabino Canyon auf. Der Morgen war Erlings Lieblingstageszeit. Dann war der Himmel blau und wolkenlos, weit und offen, die Luft mild und von der gleißenden Hitze des Tages noch nichts zu spüren.

Beim Verlassen des Hauses sah er, dass die Reporter sich schon in Stellung gebracht hatten. Ein Kameramann von einem der örtlichen Nachrichtensender streckte ihm ein Objektiv ins Gesicht. Sein Helfer hielt ihm ein Mikrofon entgegen.

„Detective Shafer“, rief der Reporter, „was können Sie uns zu dem Fall sagen? Wir wissen, dass in diesem Haus ein Doppelmord stattgefunden hat. War eines der Opfer Sloane Winslow?“

„Wir können zu diesem Zeitpunkt noch keine Verlautbarungen machen“, raunzte Erling.

Hoffentlich erreichten Boskin und sein Kollege Sloanes Familie, ehe sie aus dem Fernsehen von ihrem Tod erfuhren. Es bestand kein Zweifel, dass die Morde am nächsten Tag als Topmeldung durch alle Sender gehen würden.

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